Ronnie Kasrils: Offener Brief an den Bürgermeister und Gemeinderatsvorsitzenden Wiens

Open letter to the mayor of Vienna ▶▶ English below!

Open Letter to the Major of Vienna

Offener Brief an den Bürgermeister Wiens, Dr. Michael Ludwig und an den Gemeinderatsvorsitzenden, Mag. Thomas Reindl.
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Sehr geehrter Bürgermeister Michael Ludwig,
sehr geehrter Thomas Reindl, Vorsitzender des Gemeinderats der Stadt Wien,
sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderats,

ich habe die Ehre, als Gast in Ihrer historischen und schönen Stadt zu sein, nachdem ich von der lokalen Gruppe der Boykott-, Desinvestitions-, und Sanktionskampagne, „BDS Austria“, für die diesjährige israelische Apartheidwoche in Wien eingeladen wurde. BDS ist eine friedliche und gewaltfreie Kampagne, die international als solche anerkannt ist. Was auch immer die GegnerInnen der Kampagne sagen mögen, wir sind der festen Überzeugung, dass die UnterstützerInnen der Kampagne das Recht auf freie Meinungsäußerung haben sollten.

Der Direktor des Volkskundemuseums, Matthias Beitl, hat BDS Austria jedoch kurzfristig den bestehenden Vertrag zur Raumvermietung gekündigt. Diese Entscheidung wurde auf der Grundlage eines Gemeinderatsbeschlusses von 2018 getroffen, der besagt, dass „keine Zusammenarbeit der Stadt mit der antisemitischen BDS-Bewegung“ gepflegt wird. Ich sehe, dass diese Entscheidung einstimmig beschlossen wurde und dass es scheinbar keinerlei öffentliche Debatte darüber gab.
Wie auch immer die Umstände sind, ich glaube, dass es, bei allem Respekt, in Ihrem Interesse wäre und auch in dem der breiteren Gesellschaft, mir zu gestatten, Ihnen diesbezüglich eine Gegenansicht zu vermitteln. Ich schlage dies mit den besten Absichten und unter Berücksichtigung der Geschichte Ihrer Stadt, der Stadt Wien, und den rechtmäßigen Interessen des palästinensischen Volkes vor. Die Rechte auf Selbstbestimmung und Gerechtigkeit dieses Volkes sind weltweit in zahlreichen Resolutionen von niemand geringerem als den Vereinten Nationen anerkannt worden. Tatsächlich sind wir der Meinung, dass dies auch den langfristigen Interessen der israelischen Bevölkerung entspricht: jüdisch, christlich und muslimisch.

Ich halte den Beschluss des Gemenderats in mehrerer Hinsicht für höchst problematisch. Erstens ist die Annahme, dass die BDS-Bewegung antisemitisch sei, völlig unbegründet. Unterstützt wird die BDS-Kampagne von vielen Juden und Jüdinnen sowie namhaften MenschenrechtsaktivistInnen wie Angela Davis – deren Besuch und Rede sogar in Wien anlässlich des 650-jährigen Bestehens der Universität Wien gefeiert wurde. Judith Butler – die ebenfalls bereits gefeierter Gast der Universität Wien war – unterstützt die BDS-Kampagne ebenfalls. In meinem Heimatland Südafrika ist die Unterstützung der BDS-Kampagne eine Selbstverständlichkeit, vor allem bei Persönlichkeiten wie dem Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu. BDS war ein erfolgreiches Mittel, das zunächst gegen das System der Apartheid in Südafrika eingesetzt wurde. Kein geringerer als Nelson Mandela brachte seine volle Unterstützung für die Rechte des palästinensischen Volkes zum Ausdruck.

Darüber hinaus intervenieren Sie als RepräsentantInnen der Stadt mit diesem Beschluss in einer bedenklichen und undemokratischen, weil intransparenten Vorgehensweise von oben herab in den Meinungsbildungsprozess der Zivilgesellschaft in Bezug auf eine legitime Menschenrechtskampagne. Die Verweigerung öffentlicher Räume bedeutet eine Zurückdrängung aus der öffentlichen Debatte und dem öffentlichen Raum. Dieser sollte eigentlich jeder Einwohnerin und jedem Einwohner Wiens zur Verfügung stehen. 
Abschließend möchte ich noch einmal meine Bestürzung über Ihre Entscheidung zum Ausdruck bringen, da ich persönlich davon betroffen bin. Als jemand, dessen Rechte vom südafrikanischen Apartheid-Regime über viele, viele Jahre hinweg eingeschränkt wurden, muss ich sagen, dass es eine äußerst beunruhigende Erfahrung ist, dies hier in Wien erneut zu erleben.

Als Veteran der südafrikanischen Anti-Apartheid-Bewegung und Mitglied der demokratischen Regierung Südafrikas in der Zeit von Präsident Nelson Mandela von 1994 bis 2008 in drei verschiedenen Ministerressorts ist es für mich äußerst besorgniserregend, dass hier in Wien meine freie Meinungsäußerung verhindert wird. Außerdem bin ich der Meinung, dass es höchst schädlich für den guten Ruf des Gemeinderats und Ihrer schönen Stadt ist.

Deshalb bitte ich Sie als VertreterInnen der Stadt, den Anstand zu haben, meine Ansichten zu dieser Angelegenheit zu hören.
Hochachtungsvoll,

Ronnie Kasrils

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▶▶ English:

Dear Mayor Michael Ludwig, Vienna, 28.03.2019 
Dear Mr. Thomas Reindl, Chairman of the City Council of Vienna,
Dear members of the Municipal Council,

I have the honor to be a guest in your historic and beautiful city, having been invited by the Austrian chapter of the Boycott Divestment and Sanctions Campaign (BDS Austria) for this year’s Israeli Apartheid Week in Vienna. Tomorrow evening I should have given a lecture in the Volkskunde Museum followed by a public discussion. BDS is a peaceful and non-violent campaign, recognized as such internationally. Whatever its opponents might say we fully believe the supporters of the campaign should have the right to freedom of expression.

However, the director of the Volkskunde Museum, Matthias Beitl, has terminated the agreement with BDS Austria at short notice. He made this decision on the basis of your municipal council resolution of 2018 that the city would „not cooperate with the anti-Semitic BDS movement“.

I understand that decision was made unanimously, and that there seems to have been no public debate about it. Whatever the circumstances, I believe it to be in your interest, as well as that of your broader community, to permit me to provide you with a counter-view in this regard. I propose this with the best intentions and taking into account the history of your great city and the just interests of the Palestinian people. The rights of Palestinians to self-determination and justice are recognised worldwide in numerous resolutions by no less than the United Nations. In fact, we believe that such an approach is also in the long-term interests of the Israeli people: Jewish, Christian and Muslim.

I regard the City Council’s decisions with great concern. First of all, the assumption that the BDS movement is anti-Semitic is totally unfounded. The BDS campaign is supported by many Jewish people as well as famous human rights activists such as Ms Angela Davis – whose visit and speech was even celebrated in Vienna on the occasion of the 650th anniversary of the University of Vienna. Ms Judith Butler – also a celebrated guest of the University of Vienna – also supports the BDS movement. In my home country, South Africa, supporting the BDS campaign is a matter of course, especially amongst iconic figures such as Nobel Peace laureate Archbishop Desmond Tutu. BDS was a successful method of struggle used initially against the system of Apartheid of South Africa. No less a person than Nelson Mandela expressed his full support for the rights of the Palestinian people.

As representatives you have very important responsibilities, but in this instance I find your decision highly questionable, intransparent and undemocratic. You seem to practice a top-down approach that disregards civil society and how it forms opinions with respect to a legitimate, human rights campaign. Refusing city subsidized facilities to our campaign in effect pushes us out of the public debate and the public space – a space that should be available to all inhabitants of Vienna.
Finally, I want to reiterate my dismay about your decision because I am personally affected by it. As someone who had his rights curtailed by the South African Apartheid regime over many, many years I must say that to experience this again here in Vienna is an extremely distressing experience.

As a veteran of the South African anti-apartheid movement and member of the democratic government of South Africa during the time of President Nelson Mandela from 1994 to 2008 in three different ministries, it is a serious concern that here in Vienna my freedom of expression is prevented. I also believe that it is highly detrimental to the good reputation of your City Council and your beautiful city.

I consequently request that you, as representatives of the city, have the decency to hear my views on this matter.

Respectfully,

Ronnie Kasrils

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